Wenige Wochen vor dem Ende der MiCA-Übergangsfrist nutzt eine Mehrheit der europäischen Krypto-Anwender weiterhin Börsen ohne gültige Lizenz. Das geht aus einer Analyse von OKX Europe hervor, wonach rund 60 Prozent der Nutzer auf Plattformen außerhalb des MiCA-Rahmens setzen. Die Zahl klingt alarmierend – und ist es in Teilen auch. Doch sie verdient eine genauere Einordnung, sowohl was die Datenquelle als auch was den regulatorischen Hintergrund angeht.
Was die Studie konkret sagt
Laut der OKX-Europe-Analyse entfielen zwischen Mai 2025 und Mai 2026 von 18,5 Millionen App-Downloads europäischer Krypto-Börsen rund 7,6 Millionen auf Plattformen ohne gültige Markets-in-Crypto-Assets-Lizenz – das entspricht 41 Prozent aller erfassten Installationen. Die Studie stützt sich auf Download-Daten von Sensor Tower und Lizenzinformationen von thecryptoregister.com, das wiederum Angaben der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA und nationaler Regulierer bündelt.
Daraus leitet OKX ab, dass etwa 60 Prozent der europäischen Nutzer weiterhin außerhalb des MiCA-Rahmens handeln. OKX-Europe-Chef Erald Ghoos warnte, viele Nutzer wüssten womöglich gar nicht, dass ihre Börse ohne Lizenz operiere, und die Zeit bis zum Beginn der Durchsetzung laufe ab. Die App-Downloads seien dabei nur die Spitze des Eisbergs, da viele dieser Börsen Nutzer hätten, die ihre Plattformen seit Jahren verwendeten.
Einordnung der Quelle: Wer hier misst, ist nicht neutral
An dieser Stelle ist journalistische Sorgfalt geboten. OKX Europe ist selbst ein nach MiCA lizenzierter Anbieter und steht damit im direkten Wettbewerb zu den unlizenzierten Plattformen, die die Studie kritisiert. Eine Erhebung, die nahelegt, dass Nutzer zu regulierten Anbietern wechseln sollten, dient erkennbar auch dem Geschäftsinteresse des Absenders. Das macht die Zahlen nicht falsch – die zugrundeliegenden Download-Daten stammen von einem unabhängigen Dienstleister -, aber die Rahmung und Auswahl der Datenpunkte sind interessengeleitet. Leser sollten die 60-Prozent-Marke daher als plausible Größenordnung verstehen, nicht als amtlich geprüfte Statistik.
Der Stichtag ist härter, als viele denken – aber nicht überall gleich
Zum 1. Juli 2026 endet die unionsweite Übergangsfrist. Nach Artikel 143(3) der MiCA-Verordnung dürfen Anbieter, die vor dem 30. Dezember 2024 aktiv waren, bis dahin unter nationalem Recht weiterarbeiten – oder bis über ihren Zulassungsantrag entschieden ist, je nachdem, was zuerst eintritt. Danach verliert jeder Anbieter ohne CASP-Zulassung seine rechtliche Grundlage, EU-Kunden zu bedienen. Weder das Herkunftsland noch die Produktart noch jahrelange frühere Registrierung ändern daran etwas.
Was die OKX-Meldung jedoch unterschlägt: Der 1. Juli ist die äußerste Grenze, nicht der einheitliche Stichtag. Mitgliedstaaten durften die Übergangsfrist verkürzen oder ganz streichen. Die Niederlande, Lettland, Ungarn, Slowenien und Finnland gewährten nur sechs Monate – dort ist die Frist längst abgelaufen. Schweden zog die Grenze auf Ende September 2025. Deutschland, Irland und Griechenland wählten zwölf Monate. Frankreich, Malta, Spanien und Estland schöpften die vollen 18 Monate bis Juli 2026 aus. Die pauschale Aussage, 60 Prozent der Europäer handelten “kurz vor dem Stichtag” unlizenziert, verdeckt diese erhebliche Spreizung: In einem guten Teil der Union ist der Stichtag bereits Geschichte.
Die eigentlich beunruhigende Zahl
Wer die Lage verstehen will, sollte weniger auf die Download-Statistik schauen als auf die Zulassungsbilanz. Per Mai 2026 sind unionsweit rund 210 CASPs in 23 Mitgliedstaaten zugelassen. Vor MiCA hielten über 1.200 VASP-Einheiten nationale Registrierungen. Diese Konversionsrate erzählt die eigentliche Geschichte: Der weitaus größere Teil des bisherigen Marktes hat die Hürde nicht genommen – sei es, weil Anträge noch laufen, sei es, weil Anbieter den Aufwand scheuen oder sich aus Europa zurückziehen.
In Spanien etwa hält die Wertpapieraufsicht CNMV per Mai 2026 nur rund drei CASP-Zulassungen, obwohl der Vor-MiCA-Markt beträchtlich war. Maltas MFSA hat etwa zwölf Anbieter autorisiert – für die Marktgröße ein starker Wert und schneller als Deutschland, Frankreich oder Italien. Die Bearbeitungszeiten von sechs bis neun Monaten zeigen zugleich, warum der Engpass struktureller Natur ist: Selbst willige Anbieter kommen kaum rechtzeitig durch das Verfahren.
Regulierer ziehen die Zügel an
Der Druck steigt spürbar. In Frankreich forderte die Finanzmarktaufsicht AMF Krypto-Firmen auf, ihre Anträge bis zum 30. Juni abzuschließen oder den lokalen Betrieb einzustellen. AMF-Präsidentin Marie-Anne Barbat-Layani nannte es “sehr, sehr dringend”, die Anträge vor der Frist zu finalisieren. Unternehmen ohne Zulassung sollten geordnete Abwicklungspläne vorbereiten, die es Kunden erlauben, ihre Vermögenswerte zurückzuholen oder zu übertragen. Andernfalls drohen Blacklisting, öffentliche Warnungen, Bußgelder und mögliche rechtliche Schritte.
Bemerkenswert ist ein zweiter Punkt, den auch die AMF anspricht: die Sorge vor uneinheitlichen Zulassungsstandards zwischen den Jurisdiktionen. MiCA erlaubt es Anbietern, mit einer Lizenz aus einem Mitgliedstaat über das sogenannte Passporting in allen 27 Staaten tätig zu werden. Das ist der Kern des Binnenmarktversprechens – birgt aber das Risiko eines Wettlaufs nach unten, falls einzelne Aufseher Zulassungen unter schwächeren Bedingungen erteilen. Genau diese Lücke könnte den eigentlichen Verbraucherschutzgewinn von MiCA aushöhlen.
Was Nutzer jetzt tun sollten
Praktisch lässt sich der Lizenzstatus überprüfen: Das öffentlich zugängliche ESMA-MiCA-Register zeigt, ob eine Plattform eine MiCA-Zulassung besitzt, unter einer befristeten Übergangsregelung operiert oder unlizenziert bleibt. Für Nutzer ist das die verlässlichere Quelle als die Warnung eines Wettbewerbers. Wer auf einer Plattform handelt, deren Frist im eigenen Land bereits abgelaufen ist oder zum 1. Juli ausläuft, sollte den Status prüfen und im Zweifel einen Transfer der eigenen Bestände vorbereiten, bevor ein etwaiger geordneter Rückzug – oder eine Sperrung – den Zugriff erschwert.
Ein Stresstest für Europas Regulierungsversprechen
MiCA war als großer Wurf gedacht: ein einheitlicher Rahmen, der Europa zum sicheren Hafen für regulierte Krypto-Dienste macht. Die Zahlen kurz vor dem Stichtag zeigen die Kehrseite eines ambitionierten Regelwerks. Wenn von über 1.200 früheren Anbietern nur rund 210 die Zulassung schaffen und ein erheblicher Teil der Nutzer weiter auf unlizenzierten Plattformen handelt, dann ist das kein reines Nutzerproblem, sondern auch ein Befund über Tempo und Praktikabilität des Verfahrens. Die offene Frage ist, ob die Durchsetzung nach dem 1. Juli zu einer geordneten Marktbereinigung führt – oder ob Nutzer und Liquidität schlicht in graue Zonen und außereuropäische Angebote abwandern. Daran wird sich messen lassen, ob MiCA sein Versprechen einlöst oder ob Europa erneut eine Technologiewelle stärker reguliert als gestaltet hat.
Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Angaben zu regulatorischen Fristen und Zuständigkeiten können sich ändern und variieren je nach Mitgliedstaat. Investitionen in Kryptowährungen und digitale Vermögenswerte sind mit erheblichen Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Totalverlusts des eingesetzten Kapitals. Leserinnen und Leser sollten eigene Recherchen anstellen und im Zweifel fachkundigen Rat einholen.