Binance scheitert vor US-Gericht mit Schiedsverfahren-Antrag
Ein US-Bundesrichter hat Binance einen wichtigen rechtlichen Rückschlag verpasst: Die Krypto-Börse kann amerikanische Kunden nicht dazu zwingen, ihre Verlustansprüche aus der Zeit vor Februar 2019 in einem privaten Schiedsverfahren zu klären. Die Sammelklage bleibt damit vor einem ordentlichen Gericht anhängig – ein Präzedenzfall für den Umgang mit nachträglich geänderten Nutzungsbedingungen.
Schiedsklausel von 2019 gilt nicht rückwirkend
Das Gericht stellte klar fest, dass Binance seine 2019 eingeführte Schiedsklausel nicht auf frühere Geschäfte anwenden kann. Der Richter begründete dies mit mangelnder Transparenz: Die betroffenen Nutzer hätten keine ausreichende Mitteilung über die geänderten Vertragsbedingungen erhalten. Zudem fehle im Vertrag ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die neuen Regeln auch rückwirkend gelten sollten.
Diese Entscheidung basiert auf fundamentalen Rechtsprinzipien des US-amerikanischen Vertragsrechts. Vertragsänderungen müssen nicht nur ordnungsgemäß kommuniziert werden, sondern auch eine klare Zustimmung der betroffenen Parteien erhalten. Das Gericht betonte, dass die bloße Fortsetzung der Nutzung einer Plattform nach einer Änderung der Nutzungsbedingungen nicht automatisch als Zustimmung zu rückwirkenden Klauseln interpretiert werden kann.
Auch Sammelklage-Ausschluss unwirksam
Neben der Schiedsklausel scheiterte Binance auch mit dem Versuch, Sammelklagen grundsätzlich auszuschließen. Die entsprechende Vertragsklausel erwies sich nach juristischer Prüfung als nicht durchsetzbar. Dies stärkt die Position der Kläger erheblich, da sie ihre Ansprüche gebündelt vor Gericht verfolgen können – was sowohl kostengünstiger als auch schlagkräftiger ist.
Der Ausschluss von Sammelklagen ist ein häufig verwendetes Instrument von Tech-Unternehmen, um sich vor kostspieligen Massenklagen zu schützen. In diesem Fall argumentierte das Gericht jedoch, dass solche Klauseln nur dann wirksam sind, wenn sie zum Zeitpunkt des ursprünglichen Vertragsabschlusses vereinbart wurden. Nachträgliche Einführungen solcher Beschränkungen ohne explizite Zustimmung der Nutzer sind rechtlich problematisch.
Hintergründe der Sammelklage gegen Binance
Die Sammelklage wirft Binance vor, zwischen 2017 und 2019 unregistrierte Wertpapiere an US-Kunden verkauft zu haben. Die Kläger behaupten, dass bestimmte Kryptowährungen und Token, die auf der Plattform gehandelt wurden, als Wertpapiere hätten registriert werden müssen. Durch das Fehlen dieser Registrierung seien ihnen finanzielle Verluste entstanden, da sie nicht über die vollständigen Risiken informiert worden seien.
Diese Vorwürfe reihen sich ein in eine Reihe von regulatorischen Herausforderungen, denen sich Binance in den USA gegenübersieht. Die Securities and Exchange Commission (SEC) hat wiederholt betont, dass viele Kryptowährungen als Wertpapiere einzustufen seien und entsprechenden Regulierungen unterliegen müssten.
Binance reduziert Streitgegenstand auf Vor-2019-Ansprüche
Strategisch hat sich Binance bereits angepasst: Ein Unternehmenssprecher bestätigte, dass die Kläger ihre nach dem 20. Februar 2019 entstandenen Forderungen freiwillig zurückgezogen haben. Diese Entscheidung erfolgte auf Antrag von Binance selbst. Damit konzentriert sich der Rechtsstreit nun ausschließlich auf ältere Ansprüche, die Binance als “begrenzt und unbegründet” bezeichnet.
Diese Fokussierung auf den Zeitraum vor 2019 ist strategisch bedeutsam, da Binance zu diesem Zeitpunkt seine Compliance-Maßnahmen und rechtlichen Strukturen noch nicht vollständig an die US-amerikanischen Anforderungen angepasst hatte. Das Unternehmen hat seitdem erhebliche Investitionen in die Einhaltung regulatorischer Vorgaben getätigt und seine Geschäftspraktiken grundlegend überarbeitet.
Präzedenzfall für Krypto-Branche und Online-Plattformen
Das Urteil hat weitreichende Bedeutung über Binance hinaus. Es zeigt, wie US-Gerichte mit nachträglich geänderten Nutzungsbedingungen umgehen – ein zentrales Thema für alle Online-Plattformen. Die Entscheidung macht deutlich, dass Unternehmen nicht einfach durch Vertragsänderungen bestehende Nutzerrechte aushebeln können, ohne diese transparent zu kommunizieren.
Für die gesamte Kryptowährungsbranche setzt dieses Urteil wichtige Maßstäbe. Es verdeutlicht, dass auch in der noch relativ jungen Krypto-Industrie etablierte Rechtsprinzipien gelten. Unternehmen können sich nicht darauf berufen, dass die Technologie neu ist, um grundlegende Verbraucherschutzrechte zu umgehen.
Auswirkungen auf zukünftige Geschäftspraktiken
Die Entscheidung wird wahrscheinlich dazu führen, dass Krypto-Börsen und andere Online-Plattformen ihre Vertragsgestaltung überdenken müssen. Schiedsklauseln und Sammelklage-Ausschlüsse müssen von Anfang an klar kommuniziert und vereinbart werden. Nachträgliche Änderungen erfordern eine explizite und informierte Zustimmung der Nutzer.
Die Auseinandersetzung wird nun vor einem US-Bundesgericht fortgeführt, statt wie von Binance gewünscht in einem privaten Schiedsverfahren in Singapur. Dies bedeutet mehr Öffentlichkeit und potenziell höhere Schadenersatzsummen für das Unternehmen. Der Fall zeigt exemplarisch, dass auch globale Krypto-Börsen den rechtlichen Rahmen ihrer wichtigsten Märkte respektieren müssen und dass die Zeit der rechtlichen Grauzone für Kryptowährungsunternehmen in den USA endgültig vorbei ist.