Es ist eine Kehrtwende, die noch vor einem Jahr undenkbar schien: Strategy, der größte Unternehmens-Bitcoin-Halter der Welt, verkauft die zweite Woche in Folge Bitcoin — und das unter dem eigenen Einstandspreis. Der Grund ist kein Vertrauensverlust in Bitcoin, sondern eine handfeste Bilanznotwendigkeit: Der Konzern braucht Bargeld, um seine Vorzugsaktie STRC zu stützen. Genau die Schwäche, die sich seit Wochen abzeichnete, ist damit sichtbar geworden.
Was das Filing zeigt
Laut einem 8-K-Bericht bei der US-Börsenaufsicht SEC verkaufte Strategy zwischen dem 3. und 9. August 1.690 Bitcoin für 108,6 Millionen Dollar. Den gesamten Erlös steckte das Unternehmen in den Rückkauf von 1,15 Millionen STRC-Vorzugsaktien. Die harten Zahlen:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Verkaufte BTC (3.–9. Aug) | 1.690 für 108,6 Mio. $ |
| Ø-Verkaufspreis | 64.262 $ |
| Ø-Einstandspreis (Gesamtbestand) | 75.385 $ |
| BTC-Bestand jetzt | 840.447 (von 842.138) |
| USD-Reserve | 4,65 Mrd. $ (von ~4 Mrd.) |
| BTC-Verkäufe 2026 gesamt | ~6.948 |
Stand: 10.08.2026. Quelle: SEC 8-K-Filing.
Der entscheidende Punkt steckt im Preisvergleich: Strategy verkaufte zu durchschnittlich 64.262 Dollar — rund 11.100 Dollar unter dem eigenen durchschnittlichen Kaufpreis. Der Konzern realisiert also bewusst Verluste, um die Vorzugsaktie zu stützen. Auf den Gesamtbestand lasten damit rechnerisch etwa elf Milliarden Dollar Buchverlust.
Vom „niemals verkaufen” zum wöchentlichen Verkauf
Um die Dimension zu verstehen, hilft ein Rückblick. Im Februar 2024 erklärte Michael Saylor gegenüber Bloomberg, er habe „keine Pläne, Bitcoin zu verkaufen”. Die Strategie war Akkumulation ohne Ausstieg — das gesamte Selbstverständnis des Unternehmens beruhte darauf, der größte Corporate-Halter der Welt zu sein und zu bleiben.
Dieses Selbstverständnis bröckelt. Strategy hat nun in mehreren aufeinanderfolgenden Wochen Bitcoin verkauft. Gemessen am Gesamtbestand von über 840.000 Coins sind 1.690 Stück wenig — aber die Richtung zählt. Ein Unternehmen, das seine Identität auf das Horten von Bitcoin gründete, reduziert diese Position und baut parallel eine Dollar-Reserve von inzwischen 4,65 Milliarden Dollar auf.
Warum STRC zur treibenden Kraft wird
Hier schließt sich der Kreis zu einem Problem, das sich seit Wochen abzeichnete. STRC ist Strategys variabel verzinste Vorzugsaktie mit einer Dividende von zwölf Prozent, die möglichst nahe an ihrem Nennwert von 100 Dollar handeln soll. Als sie im Juni deutlich darunter fiel, war die Frage nicht mehr, ob Strategy gegensteuert, sondern womit. Die Antwort liegt nun vor: mit Bitcoin.
Die Rückkäufe erfolgen unter dem Nennwert — bei rund 95 Dollar — und gelten deshalb als wertsteigernd für die verbleibenden Aktionäre. Das Kalkül: Kauft Strategy die Papiere billig zurück und hält die Dividende stabil, stabilisiert sich der Kurs Richtung Par. Im Programm für diese Vorzugspapiere stehen noch 785 Millionen Dollar zur Verfügung, für Stammaktien-Rückkäufe eine weitere Milliarde. Und die BTC-Monetarisierung wurde auf bis zu fünf Milliarden Dollar aufgestockt — Strategy hat sich also die Erlaubnis geschaffen, im Zweifel deutlich mehr Bitcoin zu verkaufen.
„Ein Klotz am Bein” — die Kritik
Nicht alle sehen darin kluges Bilanzmanagement. Der notorische Bitcoin-Skeptiker Peter Schiff nannte STRC einen „Klotz am Bein” von MSTR, der fortlaufende Bitcoin-Verkäufe und eine Verwässerung der Stammaktien erzwinge. Tatsächlich ist die Bitcoin-Jahresrendite des Unternehmens auf 3,5 Prozent gefallen — 74 Prozent unter ihrem Mai-Höchststand. Schiffs Kernvorwurf: Strategy sei in einen Kreislauf geraten, in dem es Bitcoin verkaufen muss, um ein Finanzinstrument zu stützen, das es überhaupt erst zur Bitcoin-Finanzierung aufgelegt hat.
Dem steht die Lesart des Unternehmens gegenüber: Es handele sich um Treasury-Management, nicht um eine Wette gegen Bitcoin. Die aufgestockte Dollar-Reserve und die aktiven Rückkäufe bilden nach dieser Sicht einen Schutzwall für die Kapitalstruktur in einem schwachen Markt. Beide Deutungen haben einen wahren Kern — die Frage ist, welche sich durchsetzt.
Unsere Einordnung
Der Vorgang bestätigt, was sich seit Wochen andeutete: Strategys eigentliche Herausforderung ist nicht der Bitcoin-Kurs an sich, sondern die Fähigkeit, die Dividendenlast seiner Vorzugspapiere zu bedienen, ohne die eigene Substanz anzugreifen. Genau das geschieht nun — der Konzern verkauft sein Kernasset unter Einstand, um ein Finanzierungsinstrument zu stabilisieren. Das ist für sich genommen tragfähig, solange es bei kleinen Mengen bleibt. Gefährlich würde es, wenn ein länger schwacher Bitcoin-Kurs immer größere Verkäufe erzwingt, um dieselbe Dividende zu decken.
Für Anleger ist die nüchterne Lehre, das Geschäftsmodell klar zu sehen: Strategy ist längst kein reiner Bitcoin-Sammler mehr, sondern ein komplexes Finanzkonstrukt, dessen Vorzugsaktien, Stammaktien und Bitcoin-Bestände in wechselseitiger Abhängigkeit stehen. Solange die Verkäufe klein bleiben und die Reserve wächst, ist das Konstrukt beherrschbar. Aber jeder Verkauf unter Einstand ist eine Erinnerung daran, dass auch die stärkste Bitcoin-Überzeugung an der Mathematik einer Dividendenverpflichtung ihre Grenze findet. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt erst, wenn der Markt Strategy zwingt, zwischen seiner Bitcoin-Identität und seinen Zahlungsverpflichtungen zu wählen.
Keine Anlageberatung. Die genannten Zahlen stammen aus SEC-Pflichtmitteilungen. Zitierte Kritiker und das Unternehmen vertreten gegensätzliche Interessen. Anlageentscheidungen liegen beim Leser.