Das größte Abschiebezentrum der Vereinigten Staaten steht unter massivem Druck. Im Camp East Montana auf dem Militärstützpunkt Fort Bliss in Texas sind seit Oktober drei Menschen in Gewahrsam gestorben. Zusammen mit weiteren Fällen aus anderen Einrichtungen erreicht die Zahl der Todesfälle in US-Einwanderungshaft einen neuen Höchststand seit Beginn der systematischen Erfassung – insgesamt 25. Staatliche Kontrolleure haben gravierende Mängel dokumentiert, und die Fragen nach Verantwortung und Konsequenzen bleiben bislang weitgehend unbeantwortet.
Drei Todesfälle mit offenen Fragen
Die Umstände der drei Todesfälle in Fort Bliss geben Anlass zur Sorge. Der guatemaltekische Staatsbürger Francisco Gaspar-Andres starb im Dezember an Nierenversagen, nachdem er zwei Wochen in stationärer Behandlung verbracht hatte. Medizinische Unterlagen legen nahe, dass seine Erkrankung bereits bei der Aufnahme in die Einrichtung erkennbar gewesen wäre. Einen Monat später verstarb der Kubaner Geraldo Luna Campos an einem „medizinischen Notfall”, wie das Heimatschutzministerium offiziell mitteilte.
Der dritte Fall ist besonders aufgeladen. Victor Manuel Diaz aus Nicaragua starb am 14. Januar unter Umständen, die Behörden als Suizid einordnen. Seine Familie widerspricht dieser Darstellung öffentlich: Angehörige berichten, keinerlei Hinweise auf eine akute Krise bemerkt zu haben. Diaz habe noch wenige Tage vor seinem Tod optimistisch über seine Zukunftspläne gesprochen.
49 Mängel bei einer einzigen Inspektion
Staatliche Inspektoren, die die Einrichtung im Februar überprüften, dokumentierten 49 schwerwiegende Verstöße gegen bundesweite Haftstandards. Die Mängelliste ist lang: unzureichende medizinische Versorgung, fehlerhafte Protokollierung von Kontrollgängen, gravierende Lücken bei der Suizidprävention. Vorgeschriebene Sicherheitsüberprüfungen wurden demnach nicht zuverlässig erfasst – ein direkter Verstoß gegen bundesrechtliche Vorgaben.
Hinzu kommt, dass medizinisches Personal in Teilen als unqualifiziert eingestuft wurde und wichtige Behandlungsprotokolle nicht eingehalten worden sein sollen. Fehlende Dolmetscherdienste für nicht-englischsprachige Inhaftierte erschwerten die medizinische Kommunikation zusätzlich – mit potenziell fatalen Folgen.
Milliarden-Vertrag für einen Betreiber ohne Erfahrung
Besonders brisant ist die Frage, wer das Lager überhaupt betreibt. Den 1,3-Milliarden-Dollar-Vertrag erhielt ein Unternehmen, das zuvor hauptsächlich in der Logistikbranche tätig war – ohne nachweisliche Referenzen im Betrieb von Haftanstalten. Kritiker bemängeln ein intransparentes Vergabeverfahren und eine mangelhafte Prüfung der Qualifikationen. Das Unternehmen selbst hält sich zu Fragen über Haftbedingungen und interne Abläufe bedeckt.
Erschwerend kommt hinzu, dass die zuständige Bundesbehörde gleichzeitig für die Aufsicht über Einwanderungshaft und die Verwaltung sensibler Datensysteme zuständig ist. Experten warnen vor organisatorischer Überforderung durch diese Doppelrolle und fordern eine klare Trennung der Zuständigkeiten.
Berichte über systematische Misshandlungen
Die Vorwürfe gehen weit über Verwaltungsmängel hinaus. Ein ehemaliger Inhaftierter berichtete nach seiner Abschiebung, Wachpersonal habe darauf gewettet, welcher Gefangene Suizid begehen würde. Mehr als 45 befragte Personen schilderten in Interviews schwerwiegende Bedingungen – darunter Fälle von Zwang, körperlicher Gewalt und Drohungen.
Ehemalige Inhaftierte berichten von überfüllten Zellen, unzureichender Hygiene und mangelhafter Verpflegung. Besonders besorgniserregend sind Schilderungen, denen zufolge Menschen mit psychischen Problemen tagelang ohne angemessene Betreuung in Isolation verbracht hätten. Diese Aussagen stehen im direkten Widerspruch zu offiziellen Behördenerklärungen über angeblich strikte Präventionsregeln.
Kein Einzelfall – ein systemisches Problem
Fort Bliss steht nicht allein. Das Adelanto ICE Processing Center in Kalifornien und das Irwin County Detention Center in Georgia verzeichneten in der Vergangenheit ebenfalls hohe Todesraten und vergleichbare Verstöße gegen Haftstandards. Menschenrechtsorganisationen prangern diese Zustände seit Jahren an.
Trotz der dokumentierten Mängel und der historisch hohen Zahl an Todesfällen sind bislang keine disziplinarischen Maßnahmen gegen den Betreiber bekannt geworden. Für Kritiker ist das symptomatisch: fehlende Rechenschaftspflicht, unklare Kontrollmechanismen und begrenzte öffentliche Einsicht in die Abläufe des größten Abschiebzentrums des Landes. Menschenrechtsanwälte fordern eine unabhängige Untersuchung sowie die sofortige Einführung verbesserter Überwachungsmaßnahmen – ohne strukturelle Reformen, so die einhellige Einschätzung, dürften sich ähnliche Tragödien wiederholen.