Mitten im Marktcrash sorgt eine Kursprognose für Aufsehen: Die Krypto-Börse ChangeNow sieht XRP im optimistischsten Szenario bis 2035 bei 20 bis 40 US-Dollar. Angesichts eines aktuellen Kurses von rund 1,16 Dollar wäre das eine Vervielfachung. Die Zahl ist eingängig – aber sie verdient eine kritische Betrachtung, sowohl wegen des Absenders als auch wegen der Methodik.
Die Börse hat eine langfristige XRP-Prognose veröffentlicht. Für 2035 nennt sie im optimistischsten Fall eine Spanne von 20 bis 40 Dollar – ein Ziel für die sehr lange Frist. Für das laufende Jahr 2026 gibt sich ChangeNow vorsichtiger: Das Basisszenario liegt zwischen 1,7 und 2,5 Dollar, ein optimistisches Szenario bei bis zu 4,5 Dollar.
Als Grundlage nennt die Börse Marktzyklen, Liquiditätsbedingungen, Marktkapitalisierungsgrenzen und Adoptionstrends. Ein XRP-Kurs von 10 Dollar entspräche dabei einer Marktkapitalisierung von rund 600 Milliarden Dollar – eine Dimension, die die schiere Größenordnung solcher Ziele verdeutlicht.
Der entscheidende Punkt: Wer hier prognostiziert
Bevor man sich von der 40-Dollar-Zahl mitreißen lässt, sollte man den Absender betrachten. ChangeNow ist eine Krypto-Börse – also ein Unternehmen, das an Handelsaktivität verdient. Optimistische Kursprognosen sind für Börsen geschäftlich nützlich, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen und zum Handeln animieren. Das macht die Vorhersage nicht automatisch falsch, aber sie ist keine neutrale Analyse, sondern die Eigenangabe einer interessierten Partei.
Hinzu kommt der Realitätsabgleich: Andere Prognosehäuser sind für 2026 deutlich zurückhaltender, teils mit Spannen von 0,44 bis 1,90 Dollar. ChangeNows Werte liegen am oberen Ende des Meinungsspektrums. Und die unmittelbare Marktlage spricht eine andere Sprache als die langfristige Euphorie: XRP hat auf Wochensicht rund 7 Prozent verloren, die Marktstimmung ist mit einem Fear-&-Greed-Index von 12 tief im Bereich „extreme Angst”.
Die Wett-These dahinter: rotiert das Kapital in Altcoins?
Das eigentliche Argument der Quelle für steigende XRP-Kurse ist die These, die Bitcoin-Dominanz – also der Anteil von Bitcoin an der gesamten Krypto-Marktkapitalisierung – habe ihren Höhepunkt erreicht und beginne zu fallen. Die Logik: Sinkt die Bitcoin-Dominanz, fließt Kapital erfahrungsgemäß in Altcoins wie XRP, die dann überdurchschnittlich zulegen können.
Hier ist Vorsicht geboten. Dass die Bitcoin-Dominanz ihren Gipfel erreicht hat, ist eine Einschätzung der Quelle, keine gesicherte Tatsache. Solche Wendepunkte lassen sich zuverlässig erst im Rückblick bestimmen. Die Voraussetzung der ganzen These – dass Bitcoin zunächst einen Boden findet und sich stabilisiert – ist im aktuellen Abwärtsmarkt gerade nicht erfüllt. Solange Bitcoin neue Tiefs auslotet, ist eine Kapitalrotation in Altcoins eher Hoffnung als Faktum.
Auch der von der Quelle bemühte Vergleich mit einem angeblichen Vier-Jahres-Zyklus, der dem Verlauf des S&P 500 zwischen 1962 und 1974 entspreche, ist eine spekulative Mustererzählung. Historische Kursmuster wiederholen sich nicht zwangsläufig, und Korrelation über Jahrzehnte hinweg ersetzt keine fundamentale Begründung.
Was das für Anleger bedeutet
Die nüchterne Lesart: Langfristprognosen über zehn Jahre sind keine Vorhersagen, sondern Szenarien – und ihre Bandbreite (hier von einem Bärenfall bei einigen Dollar bis zum Bullenfall bei 40 Dollar) zeigt vor allem, wie groß die Unsicherheit ist. Eine Zahl wie „40 Dollar bis 2035″ eignet sich gut für Schlagzeilen, taugt aber nicht als Investitionsgrundlage.
Wer in XRP investiert ist oder es erwägt, sollte zwei Dinge auseinanderhalten: die kurzfristige Realität (ein schwacher, von Angst geprägter Markt, in dem XRP mit dem Gesamtmarkt fällt) und die langfristige Spekulation (eine optimistische Börsenprognose, die auf unbestätigten Annahmen über Marktzyklen beruht). Die langfristigen Ziele hängen vollständig davon ab, dass Bitcoin tatsächlich einen Boden bestätigt und eine Kapitalrotation einsetzt – beides ist derzeit nicht eingetreten.
Für eine fundierte Entscheidung zählen die realen Treiber von XRP – die regulatorische Lage nach dem abgeschlossenen SEC-Verfahren, die tatsächliche Adoption im Zahlungsverkehr, die institutionelle Nachfrage – weit mehr als eine eingängige Zehn-Jahres-Zahl von einem Unternehmen, das am Handel mitverdient.