Eine Fußball-Weltmeisterschaft als Einfallstor in die Kryptowelt: Laut einer Untersuchung des Wallet-Anbieters Bitget Wallet sollen rund 60 Prozent jener Nutzer, die auf der Prognosebörse Polymarket erstmals auf den World Cup wetteten, zuvor noch nie mit einer Blockchain interagiert haben. Sollte das Bild stimmen, entwickeln sich Prognosemärkte zu einem neuen Onboarding-Kanal – nicht über Token-Handel oder DeFi-Protokolle, sondern über das simple Bedürfnis, eine Meinung zu einem Spiel in eine Position zu verwandeln. Diese Lesart verdient allerdings eine kritische Einordnung, denn die Datenbasis ist nicht neutral.
Die 60-Prozent-These – und warum man sie mit Vorsicht lesen sollte
Die Zahl beruht auf einer 90-Tage-Analyse, die Bitget Wallet exklusiv an das Branchenmedium Cointelegraph weitergab und die nach Unternehmensangaben die On-Chain-Aktivität von 857.000 aktiven Polymarket-Nutzern erfasst. Demnach kämen viele Nutzer nicht über klassische Krypto-Wege, sondern über das Wetten selbst in Berührung mit der Technologie.
Alvin Kan, Chief Operating Officer bei Bitget Wallet, beschreibt den Mechanismus so: Frühere Onboarding-Bemühungen hätten vor allem versucht, die Technik durch einfachere Wallets und bessere Oberflächen verständlicher zu machen – Nutzer hätten aber weiterhin erst verstehen müssen, wie Krypto funktioniert, bevor sie teilnehmen konnten. Prognosemärkte drehten diese Logik um: Menschen kämen, weil sie eine Haltung zu einem realen Ereignis hätten.
An dieser Stelle ist Distanz geboten. Bitget Wallet ist kein unbeteiligter Beobachter, sondern ein kommerzieller Akteur mit eigener Polymarket-Integration für nach eigenen Angaben rund 90 Millionen Nutzer. Eine Studie, die ausgerechnet die These vom Prognosemarkt als idealem Krypto-Einstieg stützt, dient damit auch dem eigenen Geschäftsmodell. Die 60-Prozent-Zahl ließ sich unabhängig nicht überprüfen und ist als Eigenangabe zu behandeln – plausibel als Richtungsaussage, aber nicht als belastbar bestätigter Wert.
Was an den Volumenzahlen dran ist
Robuster ist die Datenlage beim Handelsvolumen, und die ist beeindruckend. Das tägliche Taker-Volumen – also Kontrakte, die durch das Auffüllen bestehender Orders gehandelt werden – erreichte laut Dune-Daten am vergangenen Samstag einen Rekord von 713 Millionen US-Dollar. Der Sieger-Kontrakt der Weltmeisterschaft allein hat auf Polymarket über 3,1 Milliarden US-Dollar Handelsvolumen erzeugt; unabhängige Quellen verorten diesen Kontrakt in einer Spanne von etwa zwei bis drei Milliarden, womit die 3,1 Milliarden am oberen Rand liegen.
Den Rahmen liefert eine Prognose von Bernstein vom 11. Juni: Die Analysten erwarteten, dass die WM mehr als drei Milliarden US-Dollar an zusätzlichem Sportwetten-Umsatz und zwischen fünf und zehn Milliarden US-Dollar an zusätzlichem Prognosemarkt-Volumen auslösen würde. Bereits am 12. Juni sprang der Tagesumsatz der Kategorie nach Bernstein-Daten auf rund 4,8 Milliarden US-Dollar – ein Rekordtag.
Der eigentliche strukturelle Befund: Sport ist inzwischen die dominierende Kategorie beider großen Plattformen. Auf Kalshi entfielen über 30 Tage 8,5 Milliarden US-Dollar auf Sportkontrakte, auf Polymarket 4,9 Milliarden – jeweils Platz eins. Über die vergangenen zwei Jahre machte Sport nach Branchenschätzungen rund 80 Prozent des Handelsvolumens aus. Aus den Nischen-Orakeln der US-Wahl 2024 sind binnen anderthalb Jahren Sportwetten-Maschinen geworden.
Der regulatorische Gegenwind verschärft sich
Genau dieser Sport-Boom hat die Aufmerksamkeit der US-Aufsicht auf den Plan gerufen – und einen Kompetenzstreit ausgelöst, der die Plattformen existenziell betrifft.
Am 17. Juni verklagte Kentucky fünf Prognosemarkt-Anbieter, darunter Kalshi und Polymarket, mit dem Vorwurf, unlizenzierte Sportwetten anzubieten. Der Generalstaatsanwalt des Staates erklärte, die Unternehmen betrieben illegale Sportwettbüros und brächen geltendes Recht. Mindestens 17 weitere Bundesstaaten haben Prognosemarkt-Betreiber vor Gericht gebracht.
Auf der Gegenseite steht die Commodity Futures Trading Commission (CFTC). Die Bundesbehörde beruft sich auf ihre ausschließliche Zuständigkeit für föderal regulierte Ereigniskontrakte – die Plattformen argumentieren, ihre Wetten seien als „Swaps” einzustufen und fielen damit unter Bundesrecht. Die CFTC hat ihrerseits inzwischen mehrere Bundesstaaten verklagt; nach jüngstem Stand sind es mindestens neun, darunter Kentucky, Arizona, New York und Minnesota. Im Kern geht es um die Frage, ob Bund oder Bundesstaaten die Aufsicht ausüben – ein Konflikt, den Rechtsexperten womöglich bis vor den Supreme Court ziehen sehen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung; gerichtlich entschieden ist bislang nichts endgültig, die bisherigen Urteile fielen uneinheitlich aus.
Was das für Anleger und Beobachter bedeutet
Hinter der Onboarding-Erzählung steckt ein realer Trend: Globale Großereignisse senken die Einstiegshürde in selbstverwahrte Krypto-Anwendungen erheblich, weil die Motivation nicht mehr technologisch, sondern emotional ist. Wer auf sein Team setzt, fragt nicht zuerst nach Konsens-Mechanismen. Das ist für die Branche strategisch wertvoll – und genau deshalb auch interessengeleitet kommuniziert.
Zugleich ist Nüchternheit angebracht. Erstens bleibt offen, wie viele dieser Erstnutzer nach dem Turnier in der Kryptowelt bleiben oder ob sie reine Eventwetter sind. Zweitens hängt über dem gesamten US-Geschäft ein ungelöster Rechtsstreit, dessen Ausgang darüber entscheidet, ob Sportkontrakte überhaupt flächendeckend legal angeboten werden dürfen. Und drittens verschwimmt die Grenze zwischen „Prognosemarkt” und „Sportwette” in der Praxis so stark, dass die regulatorische Einordnung – Finanzinstrument oder Glücksspiel – noch lange nicht ausgefochten ist.
Für deutschsprachige Leser kommt ein praktischer Punkt hinzu: Polymarket ist in mehreren Jurisdiktionen Zugangsbeschränkungen ausgesetzt – Spanien etwa ließ den Zugang Ende Mai sperren. Wer das Phänomen verfolgt, sollte es als Marktindikator und Technologie-Trend lesen, nicht als Einladung zur Teilnahme.