Ein chinesisches Gericht hat fünf Betreiber der Zahlungsplattform Sifang zu Haftstrafen zwischen drei und sechs Jahren verurteilt. Der eigentliche Nachrichtenwert des Falls liegt aber weniger in den Strafen als in der Ermittlungsmethode: Chinesische Strafverfolger stützten ihre Beweisführung auf Wallet-Daten von Tether und Transaktionsdaten der Börse OKX – ein Vorgang, der zeigt, wie sich die Anonymitätsversprechen von Stablecoins in der Praxis auflösen.
Der Fall
Das Netzwerk verarbeitete mehr als 2,95 Milliarden Yuan – rund 428 Millionen Dollar – über USDT, Bankkarten und Drittanbieter-Zahlungskonten. Sifang operierte dabei nicht als lizenzierter Zahlungsdienstleister, sondern als sogenannter Fourth-Party- oder aggregierter Zahlungsdienst: eine Struktur, die Zahlungsschnittstellen von Banken und Drittanbietern bündelt und es Händlern erlaubt, über ein einziges System Gelder durch mehrere Kanäle einzuziehen. Diese Kanäle stellte die Gruppe Online-Glücksspielseiten zur Verfügung, deren Betrieb in China illegal ist.
Nach den Gerichtsakten, die von der Zeitung The Paper zitiert werden, bauten die fünf Angeklagten die Operation ab Mai 2022 auf, nachdem sie erkannt hatten, dass Zahlungsdienste für Glücksspielplattformen hohe Gewinne abwerfen. Sie beauftragten 32 Inkasso- und Zahlungsplattformen, mieteten Server außerhalb Chinas und kontaktierten Betreiber ausländischer Glücksspielseiten. Zwischen dem 24. Mai 2022 und dem 18. Oktober 2023 schleusten sie illegale Zahlungen über 105 Händlerkonten, die mit zehn Drittanbieter-Zahlungsfirmen verbunden waren.
Die Urteile
Die Strafen fielen gestaffelt aus: Zhu erhielt fünf Jahre Haft und 800.000 Yuan Geldstrafe, Zhang sechs Jahre und 850.000 Yuan. Das letzte Urteil der Serie betraf Ma, dessen Verurteilung wegen illegaler Geschäftstätigkeit das Mittlere Volksgericht der Xilin-Gol-Liga in der Inneren Mongolei am 26. Juni bestätigte – bei viereinhalb Jahren Haft, 3 Millionen Yuan Strafe und der Einziehung von 2,95 Millionen Yuan illegaler Einkünfte.
Die Gerichtsakten zeichnen die Geldflüsse detailliert nach. Ein mit Zhang verbundenes Wallet empfing zwischen Juli 2022 und Oktober 2023 über 485 Einzahlungen 4,146 Millionen USDT, vom Gericht mit rund 26,95 Millionen Yuan bewertet. Ein weiteres Wallet versandte 4,097 Millionen USDT über 497 Transfers; zusätzlich wandelten drei der Angeklagten 1,905 Millionen USDT in elf Offline-Transaktionen in Bargeld um. Für Ma zeigten aus der OKX-App gewonnene Daten 152 Transfers über insgesamt 719.176,7 USDT in ein von ihm bereitgestelltes Wallet.
Der eigentliche Präzedenzfall: die Beweismittel
Hier liegt die Bedeutung des Falls über den Einzelfall hinaus. Die Ermittler in Erenhot bezogen die Wallet-Adressen von Tether und die Transaktionsdetails von OKX, während sie den Fall aufbauten. Damit demonstriert das Verfahren, dass die vermeintliche Anonymität von USDT-Transaktionen an dem Punkt endet, an dem Emittent und Börse mit Strafverfolgern kooperieren – ein zentraler Hebel, den chinesische Behörden zunehmend nutzen.
Zugleich markiert der Fall die Grenzen dieser Methode. Wang Xiaohua, außerordentlicher Professor an der East China University of Political Science and Law, verwies darauf, dass die Zuordnung nachverfolgbarer Blockchain-Transfers zu realen Personen schwierig bleibt, solange die Token keine Börse mit identifizierenden Aufzeichnungen durchlaufen. Genau hier setzte auch die Verteidigung an: Mas Anwalt argumentierte, die Ermittler hätten weder die Zahl der von Ma verwalteten Zahlungskonten belegt noch den Zweck von mehr als hundert USDT-Transfers erklärt. Das Gericht der Xilin-Gol-Liga gab der Zeitung auf Anfrage zu Beweiswürdigung, Bewertung und grenzüberschreitender Datenerhebung keine Stellungnahme ab.
Ein System unter Anpassungsdruck
Der Fall reiht sich in eine wachsende Zahl chinesischer USDT-Verfahren ein – von einem Pekinger Urteil über 166 Millionen Dollar im Oktober 2025 bis zu einem Geldwäsche-Ring über 1,7 Milliarden Dollar in der Inneren Mongolei. Gerade diese Häufung legt die Schwächen des bestehenden Rechtsrahmens offen. Ein Beitrag im People’s Procuratorate Daily vom 13. Juli benannte strafrechtliche Haftung, Beweiserhebung und Vermögensabschöpfung als drei hartnäckige Problemfelder. Staatsanwälte und Rechtswissenschaftler verwiesen auf die anonymen, dezentralen und grenzüberschreitenden Eigenschaften von Krypto sowie auf Widersprüche zwischen Chinas revidiertem Anti-Geldwäsche-Gesetz und Artikel 191 des Strafgesetzbuchs.
Wie ernst die Behörden das Thema nehmen, zeigt eine Zahl der Obersten Volksstaatsanwaltschaft: Zwischen Januar 2025 und Mai 2026 wurden mehr als 1.200 Personen wegen drogenbezogener Geldwäsche verfolgt. In einem Fall verhängte ein Gericht gegen den Drogenhändler Li Mobo die Todesstrafe, nachdem Ermittler die Wäsche von über sieben Millionen Dollar durch Kryptowährungen festgestellt hatten – wobei die Behörden ausdrücklich klarstellten, dass das Strafmaß mehrere Drogenhandel-Verurteilungen abdeckte und nicht allein für Geldwäsche verhängt wurde.
Was das für Anleger bedeutet
Der Sifang-Fall ist für internationale Marktbeobachter aus zwei Gründen aufschlussreich. Erstens illustriert er präzise, wie Stablecoin-Anonymität in der Praxis funktioniert – nämlich nur so lange, wie kein Emittent und keine Börse kooperiert. Sobald Tether Wallet-Zuordnungen liefert und OKX Transaktionshistorien herausgibt, wird aus dem vermeintlich anonymen Zahlungsstrom eine lückenlos dokumentierte Beweiskette. Das ist eine Erinnerung daran, dass zentral emittierte Stablecoins wie USDT strukturell nachverfolgbar sind – ein Punkt, der in der Debatte um „Krypto-Anonymität” oft untergeht.
Zweitens zeigt der Fall, dass Chinas Rechtssystem trotz des Handelsverbots aktiv und mit wachsender forensischer Kompetenz gegen krypto-gestützte Finanzkriminalität vorgeht, während es zugleich mit erheblichen dogmatischen Unklarheiten ringt. Für den Markt bedeutet das weniger eine unmittelbare Kursrelevanz als ein Signal über die Richtung: Die regulatorische und strafrechtliche Durchdringung des Stablecoin-Verkehrs schreitet voran, und die Kooperation zwischen Behörden und Krypto-Infrastruktur wird zur Norm, nicht zur Ausnahme. Wer Stablecoins für ein Instrument jenseits staatlichen Zugriffs hält, wird durch Fälle wie diesen zunehmend eines Besseren belehrt.
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Urteile beruhen auf der Berichterstattung chinesischer Medien über die Gerichtsakten; einzelne Beweiswürdigungsfragen waren zum Zeitpunkt der Berichterstattung Gegenstand der Verteidigung.