Zwei Zahlen aus der neuen Cambridge-Studie zum Bitcoin-Mining scheinen sich zu widersprechen: Der Anteil sauberer Energie ist gestiegen, Wasserkraft hat Erdgas als größte Stromquelle überholt — und gleichzeitig sind die Emissionen um 20 Prozent gewachsen. Beides stimmt. Und genau in dieser Gleichzeitigkeit steckt die eigentliche Geschichte.
190 Terawattstunden — plus 38 Prozent in anderthalb Jahren
Der annualisierte Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks stieg auf rund 190 Terawattstunden im Dezember 2025 — ein Plus von 38 Prozent gegenüber 138 TWh im Juni 2024. Die Zahlen stammen aus vorläufigen Daten des Cambridge Centre for Alternative Finance, präsentiert von Forscher Alexander Neumueller in Dallas. „Annualisiert” heißt: der auf ein Jahr hochgerechnete Wert bei der Dezember-Rate, nicht der tatsächliche Kalenderjahresverbrauch.
Der Treiber ist die gewachsene Rechenleistung. Mehr Maschinen gingen ans Netz, die Hashrate stieg — und obwohl neuere Hardware pro Kilowattstunde mehr rechnet, glichen diese Effizienzgewinne den Zuwachs nicht vollständig aus.
Wasserkraft löst Erdgas ab — auch dank besserer Daten aus Äthiopien
Die auffälligste Verschiebung im Energiemix:
| Quelle | Vorstudie (Jan 2026) | Aktuell |
|---|---|---|
| Größte Einzelquelle | Erdgas (38,2 %) | Wasserkraft |
| Low-Carbon gesamt | 52,4 % | 59,4 % |
| Kohle | 8,9 % | (von 36,6 % in 2022) |
Stand: Dez. 2025, vorläufig. Quelle: Cambridge CCAF.
Wasserkraft ist damit die größte Einzelquelle des Bitcoin-Minings. Aber hier ist Vorsicht geboten, und Neumueller sagt es selbst: Ein Teil des Anstiegs spiegelt schlicht bessere Umfrageabdeckung in wasserkraftreichen Märkten wie Äthiopien, wo rund um den Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm günstig gemint wird. Es ist also nicht sicher, wie viel davon eine reale Verschiebung ist und wie viel ein Messeffekt.
Warum sauberer Strom die Emissionen nicht senkt
Jetzt zum scheinbaren Widerspruch. Der Stromverbrauch stieg um 38 Prozent, die geschätzten Emissionen aber „nur” um 20 Prozent — von rund 40 auf 48 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent. Der sauberere Mix hat das Emissionswachstum also gebremst, aber nicht gestoppt. Weniger CO₂ pro Kilowattstunde, aber so viel mehr Kilowattstunden, dass die absolute Menge trotzdem steigt.
Das ist der Punkt, an dem beide Lager der Bitcoin-Umweltdebatte ihre Zahl finden. Befürworter verweisen auf den wachsenden Grünstromanteil — zu Recht. Kritiker verweisen auf die absolut steigenden Emissionen — ebenfalls zu Recht. Sauberer heißt eben nicht automatisch weniger.
Wie belastbar die Zahlen sind
Ehrlichkeit bei der Datengrundlage gehört dazu: Die Studie basiert auf Antworten von Firmen, die etwas mehr als die Hälfte des globalen Hashrate abdecken. US-Unternehmen sind überrepräsentiert, was deren Anteil überzeichnet. Und die Methodik macht einen enormen Unterschied — Cambridges umfragebasiertes Modell kam zuletzt auf 39,8 Millionen Tonnen, ein standortbasiertes Modell auf 69,6 Millionen. Die endgültige Publikation später 2026 kann die Zahlen noch revidieren. Es sind belastbare Näherungen, keine Messwerte.
Der eigentliche Umbruch: Strom für KI statt für Bitcoin
Fast unbemerkt läuft im Hintergrund die vielleicht folgenreichste Entwicklung. Cambridge fragte erstmals, ob Miner Kapazität in künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen umlenken. Bislang haben das nur rund zehn Prozent getan — aber über 40 Prozent der übrigen prüfen es aktiv, und fast neun von zehn erwarten, dass die Verlagerung in den kommenden Jahren zunimmt. Neumueller mahnt zur Vorsicht: Die Absicht zu prüfen sei keine Zusage zum Umbau.
Die Hürden sind real — KI-Rechenzentren brauchen teure Kühlung, Vernetzung und stabile Stromversorgung, während Miner ihre Last bei hohen Strompreisen einfach drosseln. Doch der wirtschaftliche Anreiz ist gewaltig: Börsennotierte Miner haben bereits über 70 Milliarden Dollar an KI- und HPC-Verträgen angekündigt. Bei TeraWulf brachte das HPC-Hosting im ersten Quartal 2026 erstmals mehr ein als das Mining selbst — 21 Millionen Dollar gegenüber weniger als 13 Millionen aus digitalen Assets.
Was die Zahlen wirklich zeigen
Die Cambridge-Daten erzählen zwei Bewegungen auf einmal. Bitcoin-Mining verbraucht mehr Strom und wird zugleich sauberer — ein Fortschritt, der die absolute Klimabilanz dennoch nicht verbessert. Und die Branche beginnt, ihre größte Ressource, den Zugang zu billigem Strom, für etwas anderes zu nutzen als für Bitcoin.
Für die Umweltdebatte heißt das: Die alte Frage „Wie schmutzig ist Bitcoin?” wird unschärfer, weil die Antwort zunehmend von der Methodik und vom Standort abhängt. Und für die Miner selbst deutet sich an, dass die eigentliche Zukunft ihres Geschäfts womöglich gar nicht im Mining liegt, sondern in den Rechenzentren, die auf derselben Strominfrastruktur entstehen. Wer heute über den Energieverbrauch von Bitcoin streitet, könnte in wenigen Jahren über die Energiebilanz von KI reden — betrieben von denselben Firmen, an denselben Standorten.
Keine Anlageberatung. Die genannten Energie- und Emissionsdaten sind vorläufige, umfragebasierte Schätzungen mit erheblicher methodischer Spannbreite.
Quellen:
- crypto.news, „Hydropower overtakes gas as Bitcoin mining power use jumps 38%” — https://crypto.news/hydropower-overtakes-gas-as-bitcoin-mining-power-use-jumps-38/
- Cryptobriefing, „Hydropower overtakes natural gas as Bitcoin mining’s top energy source” — https://cryptobriefing.com/hydropower-bitcoin-mining-top-energy-source/
- Cambridge Judge Business School (Primärquelle, Vorstudie), „Cambridge study: sustainable energy rising in Bitcoin mining” — https://www.jbs.cam.ac.uk/2025/cambridge-study-sustainable-energy-rising-in-bitcoin-mining/
- The Block, „Cambridge University study says Bitcoin mining sustainable energy use hit 52.4%” — https://www.theblock.co/post/352332/cambridge-university-bitcoin-mining-sustainable-energy-use-elon-musk-tesla-btc-payments
- Spark, „Bitcoin Mining’s Energy Mix in 2026″ (Detail-Aufschlüsselung Hydro/Wind/Solar) — https://www.spark.money/research/bitcoin-mining-energy-mix-2026