Investor Kevin O’Leary baut wieder neue Krypto-Positionen auf. Der Vorsitzende von O’Leary Ventures bereitet sich damit nach eigenen Angaben auf den nächsten Marktzyklus vor. Entscheidend ist für ihn allerdings nicht, welcher einzelne Token kurzfristig steigt. O’Leary versucht herauszufinden, welche Blockchain sich als Infrastruktur für große Unternehmen und Finanzmärkte durchsetzen könnte. Als mögliches Schlüsselsignal nennt er die Entscheidung einer großen Wertpapierbörse, ihre Infrastruktur auf eine bestimmte Blockchain auszurichten.
Auf dem Avalanche Summit in New York erklärte O’Leary gegenüber The Block, er sei wieder dabei, neue Positionen aufzubauen. Welche Kryptowährungen er konkret gekauft hat, verriet er nicht.
O’Leary sucht nicht den nächsten Token-Hype
Seine Strategie konzentriert sich vor allem auf die Blockchain-Infrastruktur hinter den Kryptowährungen. O’Leary spricht nach eigenen Angaben mit Führungskräften verschiedener Branchen darüber, welche Netzwerke sie prüfen.
Bislang gebe es allerdings keinen eindeutigen Favoriten. Unterschiedliche Unternehmen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Blockchains. Genau das macht die Auswahl für Investoren schwierig.
O’Learys zentrale Fragen für den nächsten Marktzyklus sind damit:
- Welche Blockchain gewinnt institutionelle Nutzer?
- Wo entstehen reale Anwendungen außerhalb des Kryptohandels?
- Welche Netzwerke erfüllen regulatorische Anforderungen?
- Welche Infrastruktur wird von Banken und Börsen übernommen?
Den größten Wendepunkt erwartet er bei traditionellen Börsen.
Große Börse könnte zum entscheidenden Signal werden
O’Leary bezeichnet die erste umfassende Blockchain-Adoption durch eine große Wertpapierbörse als möglichen „Watershed Moment“ für die Branche.
Die Idee dahinter: Entscheidet sich beispielsweise eine große Börse für eine bestimmte Infrastruktur, müssen sich Banken, Broker, Market Maker und andere Marktteilnehmer möglicherweise an deren technische Standards anpassen.
Dieser Prozess hat bereits begonnen.
| Unternehmen | Blockchain-/Tokenisierungsprojekt |
|---|---|
| NYSE | Aufbau einer Plattform für tokenisierte Wertpapiere |
| Nasdaq | Entwicklung von Nasdaq Equity Tokens |
| Payward/Kraken | Zusammenarbeit mit Nasdaq bei tokenisierten Aktien |
| SEC | Fünfjährige Ausnahme für bestimmte tokenisierte US-Aktien |
Die New York Stock Exchange arbeitet nach Angaben ihrer Präsidentin Lynn Martin an einer Tokenisierungsplattform, bei der digitale Aktien direkt mit den zugrunde liegenden Wertpapieren verbunden sein sollen. Stimmrechte, Dividenden und andere Aktionärsrechte sollen dabei erhalten bleiben.
Nasdaq geht ebenfalls weiter in diese Richtung. Die Börse kündigte am 10. September eine Investition von 100 Millionen US-Dollar in Payward, die Muttergesellschaft der Kryptobörse Kraken, an. Gemeinsam entwickeln die Unternehmen die geplanten Nasdaq Equity Tokens. Der Start ist derzeit für das zweite Quartal 2027 vorgesehen.
SEC öffnet den Weg für tokenisierte Aktien
Auch die US-Regulierung entwickelt sich in diese Richtung. Die SEC hat am 17. September eine auf fünf Jahre begrenzte „Innovation Exemption“ geschaffen.
Unter bestimmten Bedingungen können damit echte tokenisierte US-Aktien über Blockchain-basierte Handelsplätze und permissioned Automated Market Maker gehandelt werden. Die Token müssen ihren Besitzern grundsätzlich dieselben Rechte geben wie die entsprechenden klassischen Aktien. Reine synthetische Kursabbildungen sind von der Ausnahme ausgeschlossen.
Damit bekommt O’Learys These zusätzlichen Hintergrund: Traditionelle Börsen und Aufsichtsbehörden beschäftigen sich inzwischen konkret mit Blockchain-Infrastruktur – nicht mehr nur mit theoretischen Pilotprojekten.
Welche Blockchain davon am stärksten profitiert, ist allerdings weiterhin offen.
O’Leary rechnet nicht mit schnellem CLARITY Act
Beim regulatorischen Rahmen bleibt O’Leary vorsichtig. Er erwartet nicht, dass der CLARITY Act noch vor den US-Zwischenwahlen verabschiedet wird.
Im Senat scheiterte am 15. September die notwendige Cloture-Abstimmung mit 49 zu 50 Stimmen. Für die Fortsetzung des Verfahrens wären 60 Stimmen erforderlich gewesen. Formal ist das Gesetz noch nicht endgültig erledigt, da ein Antrag auf Wiederaufnahme der Abstimmung gestellt wurde.
Parallel geht die Gesetzgebung an anderer Stelle weiter. Der Finanzausschuss des Repräsentantenhauses stimmte am 16. September mit 38 zu 5 Stimmen für den Digital Asset Tax Certainty Act. Das Gesetz soll unter anderem Regeln für Mining, Staking, Wash Sales und die steuerliche Behandlung kleiner Krypto-Transaktionen schaffen.
O’Leary sieht darin einen Grund, warum Kryptoregulierung trotz des CLARITY-Rückschlags auf der politischen Agenda bleiben dürfte.
Bitcoin könnte für institutionelle Anleger 1 bis 3 Prozent erreichen
Auch bei Bitcoin bleibt O’Leary grundsätzlich interessiert. Er hält es für möglich, dass institutionelle Anleger langfristig etwa 1 bis 3 Prozent ihrer alternativen Anlageklasse in Bitcoin investieren.
Als Vergleich zieht er institutionelle Goldpositionen heran.
Das ist allerdings O’Learys persönliche Einschätzung und keine Prognose über fest zugesagte Kapitalzuflüsse.
Sein aktueller Investmentansatz zeigt vielmehr, worauf er für die nächste Phase des Kryptomarkts achtet: Nicht nur Bitcoin-Kurse oder kurzfristige Altcoin-Rallyes sollen entscheiden, sondern die Frage, welche Blockchain-Infrastruktur tatsächlich von etablierten Finanzunternehmen übernommen wird.
Mit den Tokenisierungsprojekten von NYSE und Nasdaq sowie der neuen SEC-Ausnahme könnte genau dieser Wettbewerb nun deutlich konkreter werden.