Bitcoin könnte sich nach Einschätzung des Kryptoanalysten Michaël van de Poppe seinem zyklischen Tiefpunkt nähern. Als wichtigstes Argument nennt er den außergewöhnlich starken Pessimismus unter Anlegern, insbesondere im Altcoin-Markt. Die Stimmung sei aus seiner Sicht schlechter als während des FTX-Zusammenbruchs, des COVID-19-Crashs und Ende 2018. Messbare Sentimentindikatoren bestätigen diesen historischen Vergleich allerdings nicht. Auch technisch steht Bitcoin noch vor einer entscheidenden Hürde zwischen 67.000 und 68.000 US-Dollar.
Die größte Kryptowährung wird derzeit bei rund 64.450 US-Dollar gehandelt. Nachdem Bitcoin Anfang Juli zeitweise unter 58.000 US-Dollar gefallen war, konnte sich der Kurs deutlich erholen. Für eine bestätigte Trendwende reicht diese Bewegung nach Ansicht vieler Marktbeobachter jedoch noch nicht aus.
Van de Poppe sieht außergewöhnlich schlechte Stimmung
Michaël van de Poppe beschreibt die aktuelle Lage am Kryptomarkt als eine Phase ausgeprägter Hoffnungslosigkeit. Besonders bei Altcoins sei das Vertrauen vieler Anleger weitgehend verschwunden.
Der Analyst verglich die Stimmung mit mehreren der schwersten Krisen der bisherigen Krypto-Geschichte:
- dem Bitcoin-Bärenmarkt Ende 2018
- dem weltweiten COVID-19-Crash im März 2020
- dem Zusammenbruch der Kryptobörse FTX im November 2022
- der allgemeinen Kapitulationsphase des Jahres 2022
Van de Poppe zufolge habe er die Stimmung bei Altcoins und im breiteren Kryptomarkt nur selten derart negativ erlebt. Für ihn ist genau das ein mögliches Zeichen dafür, dass sich der Markt seinem Tiefpunkt nähert.
Seine Argumentation folgt einem bekannten antizyklischen Prinzip: Wenn nahezu alle Marktteilnehmer weitere Verluste erwarten und kaum noch Käufer vorhanden sind, kann ein großer Teil des Verkaufsdrucks bereits abgearbeitet sein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Tiefpunkt damit sicher erreicht wurde. Negative Stimmung kann über Wochen oder Monate anhalten. In früheren Bärenmärkten fielen die Kurse teilweise noch deutlich weiter, obwohl Anleger bereits von einer Kapitulation ausgingen.
„Schlechteste Stimmung seit FTX“ ist nicht messbar bestätigt
Van de Poppes Aussage beschreibt seine persönliche Wahrnehmung sozialer Medien, der Anlegerkommunikation und des Altcoin-Markts. Sie sollte nicht mit einem objektiv belegten Rekord gleichgesetzt werden.
Der bekannte Crypto Fear & Greed Index lag am 26. Juli bei 26 Punkten. Das entspricht der Kategorie „Fear“, aber noch nicht „Extreme Fear“.
| Zeitpunkt | Fear & Greed Index | Einordnung |
|---|---|---|
| 26. Juli 2026 | 26 | Angst |
| Einen Tag zuvor | 27 | Angst |
| Eine Woche zuvor | 28 | Angst |
| Einen Monat zuvor | 13 | Extreme Angst |
Während früherer Krisen fiel der Index auf deutlich niedrigere Werte. Im Bärenmarkt Ende 2018, während des COVID-19-Einbruchs und in den schweren Verkaufsphasen von 2022 wurden teilweise einstellige Werte gemessen.
Die messbare Gesamtstimmung ist derzeit somit negativ, aber nicht schlechter als an den extremsten Tagen dieser Krisen.
Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Van de Poppe bezieht sich offenbar besonders auf Altcoins, während der Fear & Greed Index hauptsächlich auf Bitcoin-Daten basiert. Die Stimmung bei kleineren Kryptowährungen kann deutlich schlechter ausfallen als bei BTC.
Hinzu kommt, dass ein Sentimentindex nur ausgewählte Faktoren berücksichtigt. Dazu gehören unter anderem Volatilität, Handelsvolumen, Marktdynamik, Bitcoin-Dominanz, soziale Medien und Suchtrends. Er kann nicht jede Stimmung innerhalb einzelner Anlegergruppen abbilden.
Altcoins leiden stärker als Bitcoin
Der Pessimismus konzentriert sich aktuell vor allem auf kleinere Kryptowährungen. Bitcoin konnte sich von seinem Juli-Tief erholen, während viele Altcoins weiterhin deutlich unter ihren früheren Höchstständen notieren.
Eine hohe Bitcoin-Dominanz deutet darauf hin, dass Anleger innerhalb des Kryptomarkts defensiv positioniert bleiben. Kapital fließt eher in Bitcoin oder Stablecoins als in kleinere und riskantere Token.
Für Altcoin-Investoren entsteht dadurch eine besonders schwierige Situation:
- Viele Token haben gegenüber Bitcoin an Wert verloren.
- Die Handelsliquidität ist bei kleineren Projekten gesunken.
- Neue Kapitalzuflüsse konzentrieren sich auf wenige große Kryptowährungen.
- Zahlreiche Projekte müssen weitere Token-Unlocks verkraften.
- Institutionelle Anleger bevorzugen regulierte Bitcoin- und Ethereum-Produkte.
- Das Interesse privater Anleger bleibt schwach.
Ein möglicher Bitcoin-Boden würde deshalb nicht automatisch bedeuten, dass auch sämtliche Altcoins unmittelbar steigen. Schwächere Projekte können selbst bei einer BTC-Erholung weiter Marktanteile verlieren.
Die Fed und hohe Zinsen belasten den Kryptomarkt
Van de Poppe nennt die Geldpolitik der US-Notenbank als einen der wichtigsten Gründe für die pessimistische Stimmung.
Marktteilnehmer befürchten, dass die Federal Reserve länger an einer restriktiven Geldpolitik festhält. Hohe oder weiter steigende Zinsen können riskante Vermögenswerte wie Kryptowährungen aus mehreren Gründen belasten.
Zum einen werden Staatsanleihen und andere verzinste Anlagen attraktiver. Investoren können dort Renditen erzielen, ohne die hohen Kursschwankungen von Bitcoin und Altcoins akzeptieren zu müssen.
Zum anderen verteuert eine restriktive Geldpolitik die Finanzierung. Unternehmen, Fonds und spekulative Marktteilnehmer verfügen dadurch über weniger günstiges Kapital für riskante Positionen.
Steigende Anleiherenditen können zusätzlich Druck auf Technologieaktien und andere Wachstumswerte ausüben. Da Bitcoin inzwischen stärker mit traditionellen Risikomärkten verbunden ist, wirken sich solche Bewegungen häufig auch auf Kryptowährungen aus.
Van de Poppe setzt auf das langfristige Schuldenproblem
Als Gegenargument zur aktuellen Zinssorge verweist van de Poppe auf eine These des Investors und Bitcoin-Befürworters Lawrence Lepard.
Lepard argumentiert, dass die langfristige Bitcoin-These vor allem dann geschwächt würde, wenn Regierungen dauerhaft zu fiskalischer Disziplin zurückkehrten. Staaten müssten ihre Haushaltsdefizite reduzieren, Schulden abbauen und auf eine fortlaufende Ausweitung der Geldmenge verzichten.
Van de Poppe hält dieses Szenario offenbar für unwahrscheinlich. Aus seiner Sicht konzentriert sich der Markt zu stark auf einzelne Entscheidungen der Federal Reserve und zu wenig auf die langfristige Entwicklung staatlicher Schulden.
Die Argumentation lautet vereinfacht:
- Viele Staaten geben dauerhaft mehr Geld aus, als sie einnehmen.
- Die Verschuldung und die Kosten für Zinszahlungen steigen.
- Regierungen und Zentralbanken geraten langfristig unter Druck, die Finanzbedingungen wieder zu lockern.
- Knappere Vermögenswerte wie Bitcoin könnten von einer Entwertung staatlicher Währungen profitieren.
Diese These ist innerhalb der Bitcoin-Community weit verbreitet, aber keineswegs unumstritten. Hohe Staatsverschuldung führt nicht automatisch zu steigenden Bitcoinpreisen. Kurzfristig können Inflation, hohe Zinsen und wirtschaftliche Unsicherheit den Kryptomarkt sogar erheblich belasten.
Bitcoin handelt weiterhin unter dem entscheidenden Widerstand
Technisch betrachtet befindet sich Bitcoin nach der Erholung von den Juli-Tiefs in einer Übergangsphase.
Die wichtigste Widerstandszone liegt zwischen 67.000 und 68.000 US-Dollar. Dort scheiterte bereits ein früherer Erholungsversuch. Außerdem befindet sich in diesem Bereich ungefähr der durchschnittliche Einstandspreis zahlreicher Anleger, die Bitcoin während der vergangenen Monate gekauft haben.
Erreicht BTC diese Zone, könnten Käufer, die längere Zeit im Verlust lagen, ihre Positionen zum Einstand verkaufen. Dadurch entsteht zusätzliches Angebot.
| Bitcoin-Kursmarke | Bedeutung |
| 67.000 bis 68.000 USD | Wichtigste kurzfristige Widerstandszone |
| Rund 64.000 USD | Aktueller Konsolidierungsbereich |
| Rund 61.000 USD | Wichtige Unterstützung und Liquiditätszone |
| Unter 58.000 USD | Bisheriges Juli-Tief und Bärenmarktrisiko |
Ein nachhaltiger Ausbruch über 68.000 US-Dollar würde das technische Bild verbessern. Bitcoin könnte anschließend erneut in Richtung 70.000 US-Dollar und höher laufen.
Solange dieser Ausbruch ausbleibt, bleibt die jüngste Bewegung lediglich eine Erholung innerhalb des übergeordneten Abwärtstrends.
Unterhalb von 61.000 Dollar liegt weitere Liquidität
Van de Poppe hält es weiterhin für möglich, dass Bitcoin vor einer größeren Erholung noch einmal unter 61.000 US-Dollar fällt.
In diesem Bereich liegen zahlreiche Stop-Loss-Orders und gehebelte Positionen. Ein kurzfristiger Rückgang könnte diese Liquidität aus dem Markt nehmen, bevor neue Käufer einsteigen.
Ein sogenannter Liquidity Sweep bedeutet, dass der Kurs kurzzeitig eine wichtige Unterstützung unterschreitet. Dadurch werden Verkaufsorders und Liquidationen ausgelöst. Anschließend kann der Preis schnell wieder über das vorherige Niveau steigen.
Ein solcher Verlauf wäre jedoch erst im Nachhinein eindeutig erkennbar. Fällt Bitcoin unter 61.000 US-Dollar und bleibt dort, könnte daraus ebenso ein erneuter Test der Tiefstände zwischen 57.000 und 58.000 US-Dollar entstehen.
Ein Rückgang unter das bisherige Juli-Tief würde die These eines bereits erreichten Marktbodens deutlich schwächen.
Extreme Angst ist kein zuverlässiges Kaufsignal
Van de Poppe interpretiert den starken Pessimismus als mögliche Akkumulationschance. Historisch entstanden bedeutende Bitcoin-Tiefpunkte tatsächlich häufig in Phasen extremer Angst.
Daraus lässt sich jedoch keine sichere Handelsstrategie ableiten.
Ein niedriger Fear & Greed Index zeigt lediglich, dass Marktteilnehmer vorsichtig oder pessimistisch sind. Er sagt weder den exakten Tiefpunkt noch den Zeitpunkt einer Erholung voraus.
Während längerer Bärenmärkte kann der Index über Wochen im Bereich extremer Angst bleiben. Anleger, die beim ersten niedrigen Wert kaufen, können anschließend weitere erhebliche Verluste erleiden.
Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass extreme Stimmung vor allem mit höherer Unsicherheit, größeren Geld-Brief-Spannen und sinkender Liquidität verbunden ist. Ein eindeutiger Vorhersagewert für künftige Renditen lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten.
Für eine belastbarere Bodenbildung wären mehrere Signale notwendig:
- Bitcoin verteidigt die langfristigen Unterstützungen.
- Der Kurs bildet höhere Tiefpunkte.
- Die Zone zwischen 67.000 und 68.000 US-Dollar wird zurückerobert.
- Das Spot-Handelsvolumen steigt.
- ETF-Zuflüsse stabilisieren sich.
- Langfristige Halter reduzieren ihre Verkäufe.
- Die Nachfrage nach Altcoins verbreitert sich.
- Makroökonomischer Druck lässt nach.
Aktuell sind einige dieser Bedingungen teilweise erfüllt, andere jedoch noch nicht.
Niedriges Handelsvolumen spricht gegen vollständige Trendwende
Die jüngste Bitcoin-Erholung fand bei vergleichsweise niedriger Marktaktivität statt. Ende Juli gilt traditionell als eine schwächere Handelsphase, da viele institutionelle Marktteilnehmer weniger aktiv sind.
Ein geringes Volumen kann Kursbewegungen in beide Richtungen verstärken. Bereits relativ kleine Kauf- oder Verkaufsorders können größere Ausschläge auslösen.
Gleichzeitig ist ein Ausbruch bei niedrigem Volumen weniger überzeugend als eine Bewegung, die von breiter Nachfrage begleitet wird.
Die Stabilisierung der US-Spot-Bitcoin-ETFs ist grundsätzlich positiv. Nach erheblichen Abflüssen im Mai und Juni wurden im Juli wieder mehr positive Handelstage verzeichnet. Die Nachfrage bleibt jedoch deutlich unter den Höchstständen früherer Marktphasen.
Der Kryptomarkt befindet sich damit in einer fragilen, aber nicht vollständig hoffnungslosen Lage.
Auch professionelle Analysten erwarten den Boden nicht zwingend sofort
Van de Poppe ist mit seiner positiven Einschätzung nicht allein. Mehrere Marktbeobachter halten die aktuellen Kurse für eine mögliche Bodenbildungszone.
Andere Analysten bleiben deutlich vorsichtiger. Binance Research sieht zwar ein historisch plausibles Zeitfenster für einen Tiefpunkt, hält aber eine anhaltende Belastung bis ins dritte oder sogar vierte Quartal für möglich.
Auch der bekannte Analyst Benjamin Cowen geht in seinem Basisszenario davon aus, dass das zyklische Tief erst im Oktober 2026 entstehen könnte. Seine Einschätzung orientiert sich an früheren Bitcoin-Zyklen, bei denen der Boden ungefähr ein Jahr nach dem jeweiligen Hoch erreicht wurde.
Diese unterschiedlichen Prognosen zeigen, wie unsicher die Lage bleibt. Selbst wenn sich Bitcoin bereits in einer Bodenbildungsphase befindet, kann diese mehrere Monate dauern und weitere starke Schwankungen enthalten.
Die Zone zwischen 67.000 und 68.000 Dollar entscheidet
Van de Poppes These eines nahenden Tiefpunkts ist nachvollziehbar, aber noch nicht bestätigt. Der Kryptomarkt zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen, viele Altcoins sind stark gefallen und die Erwartungen der Anleger bleiben niedrig.
Die Behauptung, die Stimmung sei schlechter als während FTX, COVID-19 oder Ende 2018, sollte jedoch als subjektive Einschätzung gekennzeichnet werden. Der aktuelle Fear & Greed Index zeigt Angst, liegt aber deutlich über den Tiefständen früherer Krisen.
Für Bitcoin bleibt die technische Lage entscheidend. Ein nachhaltiger Anstieg über 67.000 bis 68.000 US-Dollar würde zeigen, dass Käufer wieder mehr Kontrolle übernehmen. Ein erneuter Rückgang unter 61.000 US-Dollar könnte dagegen die Tiefstände aus dem Juli wieder in den Fokus rücken.
Extremer Pessimismus kann den Boden für eine spätere Erholung bereiten. Er beweist jedoch nicht, dass der letzte Ausverkauf bereits hinter dem Markt liegt.