Ein leiser, aber aufschlussreicher Nebenschauplatz der Bitcoin-Schwäche spielt sich bei einem exotischen Finanzinstrument ab: den variabel verzinsten Vorzugsaktien, mit denen Unternehmen wie Strategy und Strive ihre Bitcoin-Käufe finanzieren. Jan3-CEO Samson Mow sieht in der jüngsten Erholung des Strive-Papiers SATA ein Signal, dass auch Strategys angeschlagenes STRC bald zum Nennwert zurückkehrt. Die These ist verlockend – aber sie blendet die strukturellen Gründe aus, warum die beiden Papiere gerade nicht im Gleichklang laufen.
Worum es geht
Strive führte SATA im November 2025 ein, um Kapital für den Ausbau seiner Bitcoin-Bestände zu beschaffen, ohne neue Stammaktien auszugeben. Es handelt sich um variabel verzinste, unbefristete Vorzugsaktien (perpetual preferred stock), deren Dividende so angepasst wird, dass der Kurs möglichst nahe am Nennwert von 100 Dollar handelt. Strategy hatte 2025 mit STRC ein Papier nach ähnlichem Muster aufgelegt und ordnet es einer Kategorie zu, die das Unternehmen selbst „Digital Credit” nennt. Beide sind an der Nasdaq gelistet, haben keine Fälligkeit und stehen in der Kapitalstruktur vor den Stammaktionären; direkt mit Bitcoin besichert ist keines von beiden.
Nach dem Ausverkauf Ende Juni fielen beide Papiere deutlich unter ihr Zielniveau. SATA hat sich seither von seinem Juni-Tief bei 83,30 Dollar um fast 16 Prozent auf rund 97 Dollar erholt und notiert damit wieder innerhalb von etwa drei Prozent des Nennwerts. STRC hingegen schloss am 24. Juli bei 86,89 Dollar – rund 13 Prozent unter Par – und stieg nachbörslich leicht auf 87,14 Dollar.
Mows These
Mow, ein prominenter Bitcoin-Verfechter, wertet den Unterschied als vorübergehend, nicht als Beleg für ein Versagen der STRC-Struktur. Gegenüber Cointelegraph erklärte er, die Maßnahmen der Bitcoin-Treasury-Unternehmen zur Stärkung ihrer Bilanzen begännen, das Vertrauen in die Produkte wiederherzustellen. Seine Kernannahme: Beide Papiere bewegten sich letztlich im Gleichklang, weil Anleger prüften, ob mit Bitcoin unterlegte Vorzugsaktien ihre Dividenden weiter finanzieren und nahe ihrem Nennwert halten könnten. Kehre SATA zum Par zurück, folge STRC, weil der Markt daraus schließe, das Modell sei „nicht kaputt” – alle seien für drei oder mehr Jahre Dividendenzahlungen kapitalisiert gewesen, es habe nie einen Grund zur Panik gegeben.
Als Beleg für eine breitere Reifung des Sektors verwies Mow zudem auf die am 15. Juli gestartete Treasury-Firma Orange Juice der Analystin Lyn Alden, die mit einem anderen Betriebsmodell und einer niedrigeren Bitcoin-Kostenbasis antritt.
Warum die These zu kurz greift
Hier ist eine kritische Einordnung nötig, denn Mows Prognose ist die Aussage eines Marktakteurs mit Bitcoin-Eigeninteresse, nicht ein neutraler Analystenbefund. Und die Divergenz zwischen SATA und STRC ist kein Zufall, sondern hat strukturelle Ursachen, die ein bloßer Stimmungsumschwung nicht auflöst.
Erstens die Konditionen: SATA bietet eine Dividendenrendite von rund 13 Prozent und zahlt täglich aus, während STRC bei etwa 11,5 bis 12 Prozent liegt und bislang nur monatlich beziehungsweise zweimonatlich ausschüttet. Zweitens die Kapitalstruktur: Strive ist schuldenfrei, weshalb SATA an der Spitze der Gläubigerhierarchie steht; Strategy hingegen hat Wandelanleihen, deren Halter im Rang vor den Vorzugsaktionären stehen. Drittens die Größe: STRC hat einen Nominalwert von über zehn Milliarden Dollar ausstehen, SATA nur rund 500 Millionen – ein weit größeres Papier bei Par zu halten, ist ungleich schwerer.
Der vierte und gravierendste Punkt betrifft Strategys Bilanz. Nach dem Rückkauf von Wandelanleihen im Volumen von 1,5 Milliarden Dollar fielen die Barreserven des Unternehmens auf rund 871 Millionen Dollar – genug, um die geschätzten 1,7 Milliarden Dollar jährlicher Vorzugsdividenden nur etwa sechs Monate lang zu decken. Genau diese Deckungslücke, nicht bloße Marktpanik, ist der eigentliche Grund für den Abschlag bei STRC. Mows Beruhigung, alle seien „für drei oder mehr Jahre kapitalisiert”, steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu diesen Zahlen.
Der ETF-Faktor
Bemerkenswert ist, dass institutionelle Nachfrage STRC trotz des Abschlags gestützt hat. Strategy-Mitgründer Michael Saylor teilte am 24. Juli mit, STRC sei inzwischen die größte Position in drei großen US-Vorzugsaktien-ETFs – von BlackRock (iShares Preferred and Income Securities), Virtus InfraCap und VanEck –, die zusammen nach seinen Angaben 756 Millionen Dollar des Papiers halten. Diese Zahlen sind allerdings Saylors eigene Darstellung und dienen erkennbar dem Zweck, STRC als etabliertes Instrument in institutionellen Portfolios zu präsentieren.
Der Abschlag ist für Strategy kein kosmetisches Problem. Das Unternehmen verkauft STRC, um Bitcoin-Käufe zu finanzieren; je weiter der Kurs unter 100 Dollar liegt, desto weniger Kapital bringt jede neu ausgegebene Aktie ein. Eine Emission bei rund 87 Dollar liefert spürbar weniger als eine nahe Par – was die Ökonomie des gesamten Finanzierungsmodells schwächt, selbst wenn die ETF-Nachfrage anhält.
Was das für Anleger bedeutet
Für Beobachter des Bitcoin-Treasury-Sektors ist der Fall lehrreich, weil er zeigt, wie eng die vermeintlich langweiligen Finanzierungsinstrumente mit dem Bitcoin-Kurs verwoben sind. Die Vorzugsaktien sind der Mechanismus, über den Unternehmen wie Strategy überhaupt erst Bitcoin anhäufen – und ihre Stabilität ist damit ein Frühindikator dafür, wie tragfähig das Modell in einem schwachen Markt bleibt.
Mows optimistische Lesart ist nicht unplausibel: Erholt sich der breitere Markt und kehrt SATA nachhaltig zum Par zurück, könnte das tatsächlich Vertrauen zurückbringen und STRCs Abschlag verringern. Doch die entscheidende Variable ist nicht die Marktstimmung, sondern Strategys Fähigkeit, seine Dividendenverpflichtungen ohne Notverkäufe von Bitcoin zu bedienen. Solange die Barreserven nur wenige Monate abdecken, bleibt STRC anfällig – unabhängig davon, wie sich SATA entwickelt. Anleger sollten die beiden Papiere daher gerade nicht als Zwillinge betrachten, sondern die strukturellen Unterschiede in Rendite, Schuldenlage und Bilanzpuffer genau auseinanderhalten. Die eigentliche Frage ist nicht, ob das Modell „kaputt” ist, sondern wie viel Bitcoin-Schwäche es verträgt, bevor die Finanzierung ins Stocken gerät.
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Die wiedergegebenen Prognosen und Kennzahlen stammen teils von Marktakteuren mit wirtschaftlichem Eigeninteresse und wurden entsprechend gekennzeichnet. Anlageentscheidungen liegen in der alleinigen Verantwortung des Lesers.