Cardano-Mitgründer Charles Hoskinson warnt vor einem langfristigen Risiko für Bitcoin: Sollte sich die Community nicht rechtzeitig auf eine gemeinsame Antwort auf leistungsfähige Quantencomputer einigen, könnte die größte Kryptowährung ihre führende Marktposition verlieren. Im Mittelpunkt seiner Kritik steht allerdings weniger die heutige Technik als Bitcoins dezentrales und bewusst langsames Entscheidungsmodell. Eine akute Gefahr für BTC besteht derzeit nicht. Entwickler diskutieren jedoch bereits konkrete Wege für eine spätere Umstellung auf quantenresistente Signaturen.
Hoskinson äußerte sich in einem am 24. Juli veröffentlichten Interview zur Zukunft von Cardano, Bitcoin und der Blockchain-Branche. Dabei beschrieb er Bitcoin sinngemäß als ein System, das sich nur schwer verändern lasse.
Für ihn könnte genau diese Eigenschaft problematisch werden, wenn eines Tages eine schnelle und weitreichende technische Migration notwendig ist.
Hoskinson sieht vor allem ein Governance-Problem
Bitcoin wird nicht von einem Unternehmen, einer Stiftung oder einem formalen Abstimmungsgremium kontrolliert. Entwickler können Änderungen am Protokoll vorschlagen, aber weder die Einführung noch die Nutzung neuer Software erzwingen.
Damit eine wichtige Änderung breite Wirkung entfaltet, müssen sich zahlreiche Gruppen beteiligen:
- Bitcoin-Core-Entwickler
- Betreiber vollständiger Nodes
- Miner und Miningpools
- Kryptobörsen
- Wallet-Anbieter
- Verwahrstellen
- Zahlungsdienstleister
- institutionelle und private Nutzer
Dieses Modell soll verhindern, dass eine einzelne Organisation die Regeln des Netzwerks nach eigenen Interessen verändert. Große Protokollanpassungen benötigen deshalb häufig lange Diskussionen, umfangreiche Tests und breite Unterstützung.
Hoskinson hält diesen vorsichtigen Prozess im Fall einer möglichen Quantenbedrohung für riskant. Sollte ein Sicherheitsproblem kurzfristig eine Migration von mehreren hundert Millionen Wallets und Adressen erfordern, könnte Bitcoin aus seiner Sicht zu langsam reagieren.
Seine Aussage ist damit in erster Linie eine Bewertung des Governance-Modells. Sie ist kein Beleg dafür, dass Quantencomputer Bitcoin bereits heute angreifen können.
Warum Quantencomputer Bitcoin gefährlich werden könnten
Bitcoin verwendet kryptografische Signaturen, um nachzuweisen, dass eine Transaktion vom rechtmäßigen Besitzer der jeweiligen Coins autorisiert wurde.
Dafür kommen unter anderem ECDSA- und seit Taproot auch Schnorr-Signaturen zum Einsatz. Beide basieren auf elliptischer Kurvenkryptografie.
Mit heutigen klassischen Computern ist es praktisch unmöglich, aus einem öffentlichen Schlüssel den dazugehörigen privaten Schlüssel zu berechnen. Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte diese mathematische Grundlage theoretisch angreifen.
Gelingt es einem Angreifer, einen privaten Schlüssel aus einem öffentlich sichtbaren Schlüssel abzuleiten, könnte er eine gültige Transaktion erstellen und Bitcoin ohne Zustimmung des eigentlichen Besitzers übertragen.
Besonders relevant wären Adressen, deren öffentliche Schlüssel bereits in der Blockchain offengelegt wurden. Dazu gehören ältere Adresstypen sowie Adressen, von denen bereits Transaktionen ausgegangen sind.
Nicht jede Bitcoin-Adresse wäre gleichzeitig und in gleichem Umfang betroffen. Dennoch könnte eine ausreichend leistungsfähige Quantenmaschine erhebliche Teile des Netzwerks und seiner gespeicherten Werte gefährden.
Derzeit gibt es keinen akuten Angriff auf Bitcoin
Die theoretische Bedrohung sollte nicht mit einer unmittelbar bevorstehenden Krise verwechselt werden.
Aktuelle Quantencomputer sind nicht leistungsfähig und fehlerstabil genug, um Bitcoins Signaturverfahren praktisch zu brechen. Es gibt auch keine öffentlich bestätigten Hinweise darauf, dass ein staatlicher oder privater Akteur bereits über eine entsprechende Maschine verfügt.
Unklar ist zudem, wann ein kryptografisch relevanter Quantencomputer entwickelt werden könnte. Prognosen reichen von mehreren Jahren über Jahrzehnte bis zu der Möglichkeit, dass die nötige technische Qualität noch wesentlich länger nicht erreicht wird.
Trotz dieser Unsicherheit bereiten sich Behörden und Technologieunternehmen bereits auf einen späteren Wechsel vor. Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology hat mehrere Post-Quantum-Algorithmen standardisiert, die Angriffen durch klassische und Quantencomputer widerstehen sollen.
Der notwendige Umbau betrifft nicht nur Kryptowährungen. Auch Banken, Behörden, Cloudsysteme, verschlüsselte Kommunikation und digitale Signaturen verwenden Verfahren, die langfristig ersetzt werden müssen.
Bitcoin-Entwickler arbeiten bereits an Gegenmaßnahmen
Hoskinsons Darstellung, Bitcoin sei technisch vollständig handlungsunfähig, greift zu kurz. Innerhalb der Entwicklergemeinschaft laufen bereits Diskussionen über quantenresistente Adressen, neue Signaturverfahren und mögliche Migrationspläne.
Zu den wichtigsten Entwürfen gehören BIP 360 und BIP 361.
BIP 360 schlägt mit „Pay to Merkle Root“ einen neuen Bitcoin-Ausgabetyp vor. Dieser soll bestimmte Abhängigkeiten von heute verwendeten öffentlichen Schlüsseln reduzieren und eine spätere Integration quantensicherer Signaturen erleichtern.
BIP 361 beschäftigt sich anschließend mit der eigentlichen Migration. Der Entwurf sieht vor, bisherige ECDSA- und Schnorr-basierte Ausgaben schrittweise auslaufen zu lassen.
Der vorgeschlagene Prozess besteht vereinfacht aus mehreren Phasen:
- Zunächst müsste Bitcoin einen neuen quantensicheren Ausgabetyp unterstützen.
- Nach einer Übergangszeit könnten Zahlungen an alte, potenziell gefährdete Adresstypen eingeschränkt werden.
- In einer späteren Phase könnten Ausgaben über alte Signaturverfahren nicht mehr regulär akzeptiert werden.
- Für nicht rechtzeitig migrierte Bestände wäre möglicherweise ein gesondertes Wiederherstellungsverfahren notwendig.
BIP 361 ist bislang nur ein Entwurf. Weder die konkreten Signaturverfahren noch die Aktivierung oder die Übergangsfristen sind endgültig beschlossen.
Dass bereits entsprechende Vorschläge existieren, zeigt jedoch, dass die Quantenfrage innerhalb der Bitcoin-Entwicklung angekommen ist.
Die technische Lösung ist nur ein Teil des Problems
Selbst nach der Auswahl eines sicheren Signaturverfahrens wäre die Umstellung eine enorme organisatorische Aufgabe.
Wallet-Anbieter müssten neue Adresstypen unterstützen. Kryptobörsen und Verwahrer müssten Ein- und Auszahlungen anpassen. Institutionelle Halter müssten ihre Bestände verschieben und interne Sicherheitsprozesse erneuern.
Auch private Nutzer müssten ihre Bitcoin auf neue, quantensichere Adressen übertragen.
Besonders schwierig wäre der Umgang mit lange nicht bewegten Beständen. Ein Teil dieser Coins befindet sich vermutlich in langfristiger Verwahrung. Bei anderen Beständen könnten die privaten Schlüssel verloren gegangen sein.
Damit entsteht ein grundlegender Konflikt: Soll das Netzwerk alte Coins irgendwann einfrieren, um eine Übernahme durch Quantenangreifer zu verhindern? Oder sollen sie weiterhin ausgegeben werden können, obwohl ein Angreifer möglicherweise den Schlüssel berechnet hat?
Eine Sperre könnte Diebstahl verhindern, würde aber gleichzeitig in bestehende Eigentumsregeln eingreifen. Bleiben alte Coins dagegen unbegrenzt beweglich, könnten später auch mutmaßlich verlorene Bestände gestohlen und verkauft werden.
Diese Fragen betreffen nicht nur Programmcode. Sie berühren das Verständnis von Eigentum, Unveränderlichkeit und sozialem Konsens innerhalb des Bitcoin-Netzwerks.
Cardano setzt auf formale Onchain-Abstimmungen
Hoskinson stellt Bitcoins informellem Konsensmodell die Onchain-Governance von Cardano gegenüber.
Seit dem Plomin-Hard-Fork im Januar 2025 können ADA-Besitzer direkt oder über sogenannte Delegated Representatives, kurz DReps, an Governance-Entscheidungen teilnehmen.
Je nach Art der Entscheidung sind zusätzlich Stake-Pool-Betreiber und ein Constitutional Committee beteiligt. Über das System können unter anderem Protokolländerungen, Treasury-Auszahlungen und zukünftige Hard Forks beschlossen werden.
Diese Struktur könnte eine Entscheidung über ein quantensicheres Upgrade formaler organisieren. Entwickler könnten eine technische Lösung ausarbeiten, eine Finanzierung beantragen und anschließend eine entsprechende Governance-Aktion einreichen.
Eine erfolgreiche Abstimmung würde Klarheit darüber schaffen, ob die Community die Änderung unterstützt.
Der van-Rossem-Hard-Fork vom 18. Juli 2026 lieferte dafür ein aktuelles Beispiel. Das Upgrade wurde von DReps, Stake-Pool-Betreibern und dem Constitutional Committee genehmigt und anschließend im Mainnet aktiviert.
Damit konnte Cardano zeigen, dass sein Governance-System grundsätzlich in der Lage ist, komplexe technische Upgrades zu koordinieren.
Auch Cardanos Governance garantiert keine schnelle Lösung
Ein formales Abstimmungssystem beseitigt allerdings nicht alle Probleme.
Auch Cardano müsste zunächst ein sicheres Post-Quantum-Verfahren auswählen, implementieren und unter realen Bedingungen testen. Wallets, Börsen, Stake-Pools, Anwendungen und Nutzer müssten die neue Infrastruktur anschließend übernehmen.
Governance kann eine Entscheidung strukturieren. Sie kann aber keine fehlende technische Lösung ersetzen.
Hinzu kommt, dass Onchain-Abstimmungen ebenfalls zu Konflikten führen können. DReps müssen sich nicht den Empfehlungen von Hoskinson oder Input Output anschließen. Vorschläge können abgelehnt, verändert oder über längere Zeit diskutiert werden.
Eine formale Abstimmung bedeutet daher nicht automatisch, dass Cardano bei einer Krise schnell und geschlossen reagieren würde.
Bislang verfügt auch Cardano nicht über ein vollständig eingesetztes quantensicheres Transaktionssystem. Das Netzwerk befindet sich damit grundsätzlich in einer ähnlichen Ausgangslage wie Bitcoin und die meisten anderen großen Blockchains.
Die angekündigte Leios-Beschleunigung ist ein anderes Thema
Im Interview sprach Hoskinson außerdem über Ouroboros Leios, eine geplante Erweiterung von Cardanos Konsens- und Skalierungsarchitektur.
Leios soll verschiedene Aufgaben der Blockproduktion voneinander trennen und mehr Prozesse parallel ausführen. Dadurch könnte Cardano wesentlich mehr Transaktionen verarbeiten, ohne die grundlegende Sicherheitsstruktur vollständig aufzugeben.
Hoskinson stellte eine mögliche Leistungssteigerung um den Faktor 60 in Aussicht.
Diese Zahl ist jedoch bislang eine Prognose und kein im Cardano-Mainnet nachgewiesenes Ergebnis. Leios befindet sich weiterhin in Entwicklung und muss umfassend getestet, technisch geprüft und durch die Governance genehmigt werden.
Außerdem löst eine höhere Transaktionsgeschwindigkeit nicht automatisch das Quantenproblem. Skalierung und quantenresistente Kryptografie sind zwei unterschiedliche technische Bereiche.
Könnte Bitcoin wirklich seinen Spitzenplatz verlieren?
Hoskinsons Warnung ist möglich, aber stark spekulativ.
Sollte ein leistungsfähiger Quantencomputer erscheinen und Bitcoin keine rechtzeitige Antwort finden, wären das Vertrauen in das Netzwerk und der Wert von BTC erheblich gefährdet. Unter solchen Bedingungen könnten andere Blockchains Marktanteile gewinnen.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Cardano Bitcoin ersetzen würde.
Auch konkurrierende Netzwerke müssten ihre eigenen Signaturen, Wallets und Anwendungen quantensicher machen. Ein formales Governance-System wäre dabei nur einer von mehreren Faktoren.
Entscheidend wären unter anderem:
- die Qualität des eingesetzten Signaturverfahrens
- die Geschwindigkeit der technischen Umsetzung
- die Sicherheit der Migration
- die Unterstützung durch Börsen und Verwahrer
- die Akzeptanz durch Nutzer und Entwickler
- die Stabilität des Netzwerks während der Umstellung
Bitcoin besitzt trotz seines langsamen Entscheidungsprozesses eine große Entwicklergemeinschaft, eine breite Infrastruktur und starke wirtschaftliche Anreize, existenzielle Sicherheitsprobleme rechtzeitig zu lösen.
Gerade weil ein Scheitern enorme Werte gefährden würde, dürften Entwickler, Unternehmen und Nutzer bei einer konkreteren Bedrohung deutlich mehr Ressourcen für die Migration bereitstellen.
Hoskinsons Warnung ist berechtigt, aber zugespitzt
Die Quantenbedrohung ist ein reales langfristiges Thema für Bitcoin und andere Blockchains. Sie ist jedoch keine aktuelle Attacke und kein Beleg dafür, dass Bitcoins Dominanz unmittelbar vor dem Ende steht.
Hoskinson trifft mit seiner Kritik einen wichtigen Punkt: Bitcoins Stärke – die schwierige Veränderbarkeit seiner Regeln – könnte in einer Krise auch zum Nachteil werden. Eine umfassende kryptografische Migration erfordert nicht nur guten Code, sondern die Koordination eines weltweiten Ökosystems.
Gleichzeitig ist Bitcoin nicht unvorbereitet. Mit BIP 360, BIP 361 und weiteren Forschungsarbeiten entstehen bereits mögliche Wege für einen späteren Übergang.
Cardano besitzt mit seiner Onchain-Governance ein formaleres Entscheidungsmodell und hat mit dem van-Rossem-Upgrade gezeigt, dass die beteiligten Gruppen gemeinsam Protokolländerungen umsetzen können. Eine vollständige Post-Quantum-Lösung muss das Netzwerk aber ebenfalls erst entwickeln und einführen.
Damit bleibt die entscheidende Frage offen: Nicht welches Netzwerk heute die bessere Governance behauptet, sondern welches seine Nutzer rechtzeitig und sicher auf neue Kryptografie umstellen kann, sobald die theoretische Quantenbedrohung zu einem konkreten technischen Risiko wird.